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Unser Sonnensystem
Die Kreutz-Kometen

Emil Khalisi

Abb. 1: Der Komet Ison im Sichtfeld des Sonnenobservatoriums SOHO. Der Komet kam von rechts unten, zerbrach und verschwand nach oben.

Seit Jahrtausenden durchstreifen kleine, eisige Brocken still und unscheinbar den interplanetaren Raum: die Kometen. Einige von ihnen ziehen extrem dicht an der Sonne vorbei und entwickeln sich dann innerhalb weniger Tage zu einem imposanten Spektakel. Diese „Sungrazer“ gehören mehrheitlich einem besonderen Geheimbund an, den sogenannten Kreutz-Kometen. Sie sind wohl die Nachkommen eines Giganten, der vor etwa 2000 Jahren seine Aufwartung gemacht hat.

Kometen haben durch ihre abrupte Präsenz stets die Menschheit verschreckt. In manchen Fällen breitete sich ein ausgedehnter Schweif bedrohlich über den Nachthimmel aus, bisweilen auch über ein Drittel der Szenerie. Manch einer wurde sogar am Tage sichtbar. Bis in die Neuzeit zählten Kometen zu den unberechenbarsten Erscheinungen am Himmel. Heute sind sie beliebte Beobachtungsziele für Hobby-Astronomen. Oftmals werden sie schon im einfachen Teleskop entdeckt. Die durchgängige Überwachung des Himmels rund um die Welt erlaubt die frühzeitige Ankündigung von neuen Objekten, selbst wenn sie sich noch jenseits der Marsbahn befinden. Man prognostiziert ihre mögliche Entwicklung und kündigt aussichtsreiche Auftritte, die man mit dem bloßen Auge erleben könnte, im Voraus an.

Das Harakiri von Ison

Doch groß angekündigte Kometen können ebenso zu einer Enttäuschung werden, wie erst im Jahre 2013 der Komet Ison. Zeitweise als eindrucksvoller „Weihnachtskomet“ gefeiert, sollte er tagelang den abendlichen Dezemberhimmel schmücken. Man taxierte eine Helligkeit vergleichbar mit dem Vollmond: um -15m. Teleskophändler trommelten zum Kauf von neuen Optiken, und die Medien bereiteten auf ihre Weise eine euphorische Erwartungshaltung auf.

Am 18. November 2013 wurde Ison für das unbewaffnete Auge sichtbar. Vor der Perihelpassage am 28./29. November stufte man seine Helligkeit auf etwa -2m ein. Bei der Annäherung an die Sonne zerbrach jedoch der Eisball in kleine Stücke, von denen die meisten allem Anschein nach verdampften (Abb. 1). Wenige Stunden danach sank die Helligkeit unter die Sichtbarkeitsgrenze: +7m zum Ende des 30. November 2013 – Game over.

Die großen Erwartungen an Ison waren jedoch durchaus begründet. Bei der Entdeckung hatte er sich jenseits der Jupiterbahn befunden und bereits eine ansehnliche Koma ausgebildet. Für eine derartige Entfernung war das eine respektable Leistung, denn meistens staffieren sich die Kometen erst unterhalb des Marsorbits mit einer nebligen Hülle aus. Die Eigenschaften von Isons Bahn deuteten auf eine leicht hyperbolische Form: eine Exzentrizität e knapp über 1. Dies ist meist ein Anzeichen dafür, dass es sich um ein junges Exemplar handelt. Ison stammte wohl aus den Tiefen der Oortschen Kometenwolke, wo er aufgrund einer gravitativen Störung den Weg zur Sonne antrat. Als solcher würde er viel Staub und kohlenwasserstoffhaltige Gase freigesetzt haben, aus denen sich eindrucksvolle Schweifkomponenten ausformten.

Sungrazer

Kometen mit einer Exzentrizität sehr dicht bei 1,0 (= Parabelbahn) kennt man so einige. Man nennt sie Sungrazer – „Sonnenstreifer“. Fast alle haben in der Vergangenheit für sensationelle Darbietungen gesorgt. Sie gehörten meist der Kreutz-Gruppe an, einer speziellen Familie unter den langperiodischen Kometen. Als langperiodisch gelten Kometen, wenn die Umlaufperiode P zweihundert Jahre übersteigt. Dies ist eine willkürliche Trennlinie, die sich auf die Beobachtungsstatistik beruft.

Die kurzperiodische Gattung mit P < 200 Jahre kommt hauptsächlich aus dem Reservoir des Kuipergürtels jenseits der Neptunbahn. Viele unter ihnen bewegen sich prograd, also im Umlaufsinn der Planeten, und haben eine Inklination von etwa ±30° gegen die Ekliptik. Auf eine kurzperiodische Bahn gerät ein Komet sukzessive nach diversen Störeinflüssen sowie der gravitativen Anziehung durch die großen Planeten. Der Kuipergürtel fungiert wie eine Wartehalle vor einem prächtigen Auftritt.

 

Titelbild Ausgabe 3/2020

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